vom 5. April 1945

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vom 5. April 1945 2018-04-17T12:21:07+00:00

Der 5. April 1945 in Oberkalbach

Trotz Abhörverbot ausländischer Rundfunksender wusste man es am Ostersonntag in allen Häusern, und auf der Straße sprach man davon — nicht ohne Bestürzung: Schwere Panzerverbände stoßen von Hauswurz auf Fulda zu! Amerikanische Artillerie schießt nach Schlüchtern! In die Angst vor der unaufhaltsam vorrückenden Front mischte sich die Hoffnung auf ein schnelles Ende der Schrecken.

In der Karwoche hatten Heubach und Uttrichshausen die Feldposteinheiten des Luftgaupostamtes Wiesbaden aufnehmen müssen. Der OKW-West-Fernlast-Stab mit 3 Obersten, 2 Majoren, etlichen Hauptleuten  und der entsprechenden Zahl von Mannschaften hatte in Oberkalbach Zuflucht gefunden. Als am Karsamstag Kolonnen gefangener Russen nach Wildflecken zu durch unsere Ortschaften geschoben wurden, vermuteten Aufklärer Truppenbewegungen , und wenige  Minuten später  wollten 18 Tiefflieger  zum  Angriff ansetzen. Als sie die Lage erkannten, drehten sie ab. Das unheimliche des Krieges lastete nunmehr auch erdrückend auf den stillen und friedliebenden Dörfern der Vorderrhön. Die nackte Angst vor dem Drohenden ging um. Deshalb war der Konfirmationsgottesdienst an diesem Osterfest mit seinem Zuspruch: „ Wer den HERRN fürchtet, der hat eine sichere Festung“ (Spr. 14,26) verstanden worden als Zurüstung der Gemeinde für die Stunde der Gefahr.

Der 2. April brachte eine doppelte Überraschung:  Wir sind abgeschnitten vom elektrischen Strom. Und eine Batterie 7,5 cm-Infanteriegeschütze mit Maschinengewehren und Maschinenpistolen bezieht Stellung gegenüber vom Weinberg. Die Amerikaner hatten also Schlüchtern und Fulda besetzt.  Trotzdem wollte man noch Widerstand leisten.

Unsere Unruhe und zugleich unsere Verbitterung steigerten sich, als sich am Dienstag aus Reserven von Dalherda und versprengten Einheiten von Döllbach und Hutten die  Kampfgruppe  „Kurzreiter“  bildete.  Wir ahnten nichts Gutes. Als ich um 10 Uhr mit dem Fahrrad nach Uttrichshausen zu einer Beerdigung fuhr,  die  für 11 Uhr angesetzt war,  hatten  Volkssturmmänner mit SS-Leuten die Straße mit Panzersperren verbaut. Ein wahnwitziges Unterfangen! Aufeinandergetürmte, frisch gefällte Baumstämme konnten die amerikanischen Panzer nicht aufhalten.

Am Mittwoch geschah nichts Neues. Aber es war die Ruhe vor dem Sturm. Und schon in der Nacht zum Donnerstag ging es los. Am Bahnübergang in Neuhof versuchten die „Kurzreiter“ dem Kessel zu entkommen. Vergebens! Der schnell zusammengebrochene Vorstoß war lediglich zum Startzeichen geworden für das Anlaufenlassen der Motore in den amerikanischen Riesen-Panzern. Bei Tagesanbruch rollten sie langsam von Oberzell her auf Heubach und Uttrichshausen zu. Gegen 9 Uhr quollen hinter dem Oberkalbacher Grund schwere Rauchwolken empor. Stallungen und Scheune des Bauern Johannes Jäger brannten nieder. Eigentlich hätte ich zu einer Beerdigung in Heubach sein müssen. Aber ich wurde in Oberkalbach festgehalten. Denn es drängten sich immer mehr versprengte Infanteristen in unser Dorf, offenbar von SS-Männern gepeitscht, die ihrem Offizier, der vom Schulhof aus Befehle gab, noch immer blind gehorchten. Die einzigen Waffen waren Karabiner, Panzerfäuste und Handgranaten.  Was hatte man vor? Es konnte nicht mehr zweifelhaft sein. Das eigene Unglück sollte zum Unheil alle werden. Die Parole hieß: Oberkalbach wird verteidigt!

Alle meine Versuche, die Besessenen von dem Sinnlosen abzubringen, scheiterten. Schon fing es an, dass Frauen und Männer, die Alten und Jungen, fassungslos wurden. Die weiße Fahne. Aber man fürchtete das Standgericht. Der junge SS-Offizier, der an der Ostfront einen Arm verloren hatte, auch am Kopf verwundet war, war unberechenbar. Gegen 11 Uhr fasste mich mein Nachbar Rüffer und zwang mich von der Straße ins Pfarrhaus. „Der schießt Sie noch über den Haufen“. Es war entsetzlich. Die Katastrophe zu erkennen — und nichts tun zu können, um sie zu verhindern, war das nur Schicksal und nicht doch auch Schuld? Ich setzte mich in mein Amtszimmer an die Schreibmaschine, um mir einige Aufzeichnungen für die Chronik zu machen. Mein Blick durchs Fenster lenkte mich immer wieder ab, denn ich beobachtete, wie von Eichenried her erneut gehetzte deutsche Soldaten ins Dorf liefen. Sie wurden sofort aufgefangen und dem SS-Offizier unterstellt. Als ich sah, dass sich in Nachbar Schäfers Futterküche drei Mann mit Maschinenpistolen hockten, hielt es mich nicht mehr im Haus. Ich wollte auf die Straße. Da kam ein Kriegsgefangener Franzose auf mich zu und sagte „Häuserkampf“. Der Befehl war gegeben, in den Kellern mit Handfeuerwaffen in Stellung zu gehen. Nun eilten auch Frauen und Kinder in die vom Luftschutz für den Ernstfall bezeichneten Keller. Die ersten amerikanischen Panzer auf der Straße Mittelkalbach-Oberkalbach waren gesichtet. Kurz nach 12 Uhr fielen die ersten Schüsse. Sie waren auf Beobachter im Kirchturm gerichtet. Wenige Minuten später brannten Wohnhaus und Stallung des Bauern Breitenbach. Sofort wurden Löschversuche unternommen. Aber sie wurden durch den beginnenden Straßenkampf unmöglich. Die Verwirrung wuchs. Jedes Haus wurde durchkämmt! Als die Amerikaner das Pfarrhaus durchsucht hatten und aus der Garage wieder ins Freie traten, traf ein Schuss aus dem Hinterhalt einen ihrer Kameraden. „Water, water!“ Ich eilte hinzu, um ihm  Wasser zu bringen. Aber der junge Mensch starb noch in diesem Augenblick. Ein Trupp Amerikaner kam herzu. Sie hüllten ihn in Decken, die sie von meiner Frau gefordert, und trugen ihn fort. Es war eine kurze Pause entstanden. Aber  ehe eine Besinnung eintreten konnte, war ein Signal gegeben worden. Der amerikanische Kommandant hatte die Einstellung des Straßenkampfes befohlen und zugleich die Anordnung getroffen: „Binnen 10 Minuten ist das ganze Dorf zu räumen. Es wird restlos niedergebrannt“. In Nachbar Schäfers Scheune war schon Feuer geworfen.

Eine Panik brach aus. Unbeschreiblich! War kein Ausweg möglich? Die SS-Leute schossen noch immer. Was war zu tun? Da entschloss ich mich, den amerikanischen Kommandanten zu suchen und ihn zu bitten, seinen Befehl zurückzunehmen. Eine Amnestieerklärung des Kasseler Sondergerichts aus dem Jahre 1938, in der von meinem Vergehen gegen das Heimtückegesetz geschrieben war, diente mir als Ausweis. Aber ich erreichte nur die Zusage, die Räumungszeit um 40 Minuten zu verlängern, die Kirche und das Pfarrhaus zu schonen. Auf    alle anderen Vorstellungen antwortete er nur mit dem wiederkehrenden Satz: „Two men are killed!“ „Zwei Mann sind gefallen“.

Nun hieß die Parole: retten, was zu retten ist. Auf Karren und Wagen     wurden die notwendigsten Sachen geladen. Das Vieh wurde aus dem Dorf getrieben. Wo war noch Sicherheit? Wo war Schutz?! Nach allen Richtungen hin eine Flucht. Mit einer Umsiedlerfamilie aus der Dobrudscha, die seit 1943 im Pfarrhaus wohnte, mit Frau und Kind blieb ich in unmittelbarer Nähe des Dorfes auf „Gehampeters Acker“ hinter der Kirche. Ich hatte nur die Kirchenbücher     auf den alter Friedhof gebracht. Jetzt galt es zu vertrauen:

„Es Kann mir nichts geschehen, als was ER hat ersehen  und  was  mir  selig  ist. Ich nehm es, wie er’s gibet, was IHM von mir beliebet, dasselbe hab auch ich erkiest. Ich traue seiner Gnaden, die mich vor allem Schaden, vor allem Unfall schützt. Leb ich nach seinen Sätzen, so wird mich nichts verletzen, nichts fehlen, was mir ewig nützt!“

Um 12.25 Uhr war der Befehl zum Räumen des Dorfes gegeben worden. Erst gegen 13.40 Uhr begann der angekündigte Beschuss. Die amerikanischen Panzer waren auf dem Gelände hinter „Lamphannse“ und auf der Gegenseite auf dem Acker „Hinter der Kirche“ aufgefahren und feuerten mit Phosphor-Munition aus allen Rohren. Was Vergeltung ist, das wurde hier offensichtlich. Die Zerstörungsmacht wütete nun unheimlich. Ein Haus nach dem anderen ging  in Flammen auf. Die Wirtschaftsgebäude brannten wie Zunder. Leichter Regen setzte ein und ließ Qualm wie rabenschwarzes Gewölk über dem Dorf lagern.    Noch zweimal verhandelte ich mit dem Kommandanten. Sein jüdischer Dolmetscher hatte Verständnis für mein Bitten. Ich erschien ihm als Glied der „Be-kennenden Kirche“ glaubwürdig. Als ich um 15.20 Uhr die Einstellung des Vergeltungsfeuers erreichte, hatte ich auch ihm zu danken.

Wie es im Dorf aussah, ist unvorstellbar. Es war wie ausgestorben. Und es konnte doch noch größerer Schaden verhütet werden. Das Scholze Haus war noch zu retten. Auch Rüffers und Kraushaars Wohnungen. Jetzt mussten Männer und Frauen zum Löschen geholt werden. Die Geflohenen  wagten sich nicht zurück. Ich ließ rufen, suchen. Mit den Luftschutzspritzen arbeiteten wir fieberhaft, selbst amerikanische Soldaten packten zu. Und es gelang tatsächlich, die drei Wohnhäuser vor dem Niederbrennen zu bewahren. Auch das Bürgermeisteramt  in „Schmidts-Garten“ wäre noch zu retten gewesen. Aber unsere Kräfte reichten nicht aus. Man fürchtete sich vor dem Zurückkommen ins Dorf. Es war ein Erschauern und Grauen in aller Herzen. Der Anblick, vor dem Nichts zu stehen,  ließ ebenso erschrecken wie die Feststellung, dass das Erbe der Väter verschont geblieben, erbeben ließ.

Als der Abend kam, war noch nicht zu übersehen, was eigentlich geschehen   war. Es hatte sich nur durchgesprochen, dass ein zweiter amerikanischer Soldat   in „Lamphannse“ Hof schwer verwundet worden und alsbald verstorben war. Der “Kötze-Hannse Franzos“, Albert Vasseur aus Channy, war in der Nähe vor Herberts Haus gefallen. Für die Nacht hatten sich die Amerikaner in einzelnen Häusern einquartiert. Im Pfarrhaus, das stark beschädigt war, hatten sie Keller und Speisekammer durchsucht. Die Pfarrfrau musste ihnen kochen und braten. Sie forderten auch Alkohol. Aber sie verzichteten, als ich mit der Begründung ablehnte, dass der Wein für die Feiern des Hl. Abendmahls gebraucht würde. Als ich in  diesem Zusammenhang auf die furchtbaren Zerstörungen hinwies, die sie durch ihren Beschuss verursacht, schienen sie sich zu schämen. Aber sie wiederholten das Wort ihres Kommandanten: „Two men are killed“. Vergeltung schrieben auch sie größer als Vergebung!

In der Nach vom Donnerstag zum Freitag brannte noch das Haus des Konrad Jost nieder. Er hatte es sich mühsam selbst gebaut. Am ersten Kriegstage    war er eingezogen worden. In Norwegen und Russland stand er im Einsatz. Auf Genesungsurlaub in der Heimat musste ihn im eigenen Haus, am letzten    Kriegstage, der Splitter einer Phosphorgranate treffen. Nach entsetzlichen  Schmerzen verstarb er im Schlüchterner Krankenhaus. Und ein zweites Glied    der Gemeinde wurde Opfer des 5. April: Johann Sauer, evakuiert  von Köln  nach Oberkalbach. Am Freitag fand man auch einen Hitlerjungen. Hans Zeh aus Preungesheim in unmittelbarer Nähe des Dorfes. So waren als Folge des schicksalsschweren Tages 6 Menschenopfer zu beklagen, 70 Personen waren durch die Zerstörung von 17 Wohnhäusern obdachlos geworden. 33 Wirtschaftsgebäude wurden Raub der Flammen. 20 Kühe, 9 Pferde, 4 Rinder, 9 Schweine, 9 Ziegen und 8 Schafe verbrannten. 11 Gebäude wurden zu 10 bis    15% beschädigt. Als am Sonnabend der gefallene Franzose auf dem Oberkalbacher Friedhof beerdigt werden sollte, entdeckten wir, dass nicht nur der Kirchturm starke Schäden aufwies. Die einzig verbliebene Glocke war durchschossen und verstummt. Ihr Schweigen war mehr als Klage und Anklage. Ihr Schweigen war wirksamer Ausdruck der Trauer und des Schmerzes über die Not ihres Dorfes, über den Niederbruch unseres Volkes, über den Opfergang der Menschen in aller Welt. Ihr Neuguss geschah durch die Glockengießerei Rincker in Sinn. Nun deuten die Zahlen auf ihrem Mantel 1611 – 5.4.1945 – 1946 ihrer Geschichte, die jede Generation beschwört: Sät Liebe, nicht Haß! Übt Vergebung, nicht Vergeltung!

Darum trägt sie die Inschrift:

„Gleich dem Vaterland durchschossen,

zum Neuerstehen umgegossen,

künd ich von ewiger Liebe

mitten in allem zeitlichen Leide.“


                                                                                            Dekan R. Jung