VOM WIEDERAUFBAU IN OBERKALBACH

Es roch lange nach Schwefel und Phosphor. Es dauerte Tage. Bis die Glut unter der Asche der am 5. April 1945 niedergebrannten 17 Wohnungen und der 33 Scheunen mit Stallungen erstickte. Das Vergeltungsfeuer hatte unheimlich gewütet. In der Klage um verlorenes Hab und Gut mischte sich die Anklage wider die Verführer und die Befreier. Da galt es, gegen Verzagtsein zu getrostem Wagen aufzurufen und wider Lebensmüdigkeit und Verzweiflung die neue Tat zu setzen.

Die erste Hilfe begann mit der Unterbringung von 70 Obdachlosen. Das schien nicht leicht. Es waren ja auch noch 11 Gebäude vom Beschuß mehr oder weniger stark beschädigt worden, und die Gemeinde von nur 506 Einwohnern hatte in den Jahren 1943 und 1944 insgesamt 98 Evakuierte aus Hanau, Offenbach und Frankfurt aufnehmen müssen. Aber es geschah ohne Schwierigkeiten. Wer in der Stunde der Heimsuchung bewahrt geblieben war, wollte sich aus Dankbarkeit in der Zeit der Not bewähren. Eine Familie stand für die andere – mit Kammer und Küche, mit Kleidern und Schuhen, Kartoffeln und Brot. Und was für den Menschen getan wurde, geschah auch für das Vieh. Allein, es reichten die Möglichkeiten von Oberkalbach nicht aus, um das aufzubringen, was die dringenden Notwendigkeiten und wachsenden Bedürfnisse forderten. Die Nachbargemeinden mußten mithelfen.

Es war beispielhaft, wie sich Heubach und Uttrichshausen, Oberzell und Züntersbach, Eichenried und Mittelkalbach einsetzten. Mein Hilferuf war gehört worden. Vergrämte und abgehärmte Menschen, die nur noch die Sorge kannten, entdeckten wieder die Freude, als in der zweiten und dritten Woche nach der Katastrophe Wagen um Wagen – mit wertvollsten Sachspenden geladen – in das zerstörte Dorf einfuhren. Die Zusammenstellung, für die Chronik aufgezeichnet, macht deutlich, daß von einem umfassenden Hilfswerk im kleinen gesprochen werden kann. Bei der Verteilung von

 

28 Wagen Heu 48 Kopfbezügen 8 Männerarbeitshosen
200 Zentner Stroh 20 Frauenhemden 10 Arbeitskitteln
100 Zentner Saatkartoffeln 26 Männerhemden 2 Kisten Kinderkleidern und Kinderwäsche
40 Zentner Saathafer 15 Paar Strümpfen 1 Kiste Waschpulver
20 Zentner Saatgerste 2 Pfund Wolle 1 kleine Kiste Küchengeschirr und Küchengeräte
15 Zentner Korn 2 fertigen Bettdecken  
4 Anzügen 8 fertigen Kopfkissen  
8 Bettstellen 12 Paar Schuhen  
48 Bettüchern 13 Koltern  
124 Handtüchern 8 Pfund Bettfedern  
36 Bettbezügen 10 Frauen- bzw. Mädchenkleidern  

 

an die total abgebrannten Familien wurde ihnen mit den Gaben neues Vertrauen geschenkt. Die Gebenden und die Nehmenden waren durch Erschütterungen hindurch zu der heilsamen Erkenntnis gekommen: Güter haben, das kann gut sein. Güte leben, das ist besser.

„Wer der Güte nachjagt, der findet Leben.“
(Spr 21,21)

Neben der Organisation der ersten Hilfe liefen Pläne für die Frühjahrsbestellung, für die Aufräumungsarbeiten und für den Wiederaufbau. Es war Gemeinschaftsarbeit geboten. Männer und Frauen von Oberkalbach wurden unterstützt von freiwilligen Arbeitskräften aus Heubach und Uttrichshausen.

Nachdem das Feld bestellt war, begann am 20. April die Trümmerbeseitigung. Am 14. Mai schrieb ich an Landrat Körling – den ersten Landrat des Kreises Schlüchtern nach dem Zusammenbruch: „Um den behelfsmäßigen Bau von Wirtschaftsgebäuden oder den Neubau von Scheunen und Ställen sachgemäß durchzuführen, erscheint es mir unerläßlich, einen Bauleiter zu bestellen. In der Person des Architekten Friedrich Müller  aus Elm glaube ich den Mann gefunden zu haben, der den Aufgaben gewachsen ist.“

Architekt Müller wurde mit der technischen Leitung der Wiederaufbaumaßnahmen beauftragt. Nach eingehenden Besprechungen mit den Geschädigten wurden Zeichnungen und Entwürfe gefertigt und Kostenanschläge aufgestellt. Unter dem 28. Mai habe ich folgende Eingabe an den Herrn Landrat gerichtet: 

„Betr. Kriegsschäden Oberkalbach – Bedarf an Baustoffen“ 

Der zur Bauleitung von Oberkalbach bestellte Architekt Fr. Müller, Elm, Kreis Schlüchtern hat errechnet, daß zum Wiederaufbau der am 5. April 1945 in Oberkalbach niedergebrannten Wohnhäuser, Scheunen, Stallungen, Hallen gebraucht werden:

  1. 2000 Festmeter Holz, davon        
    1. u. 2.             Klasse             850 Festmeter
    3.                     Klasse             750 Festmeter
    4.                     Klasse             400 Festmeter

2. 124000 Ziegel
3. 460000 Ziegelsteine
4. 83 t Zement
5. 200 t Kalk

Da die Beschaffung nicht nur eine Materialfrage ist, sondern auch eine Geldfrage, ist es wichtig, festzuhalten, daß für den Wiederaufbau von

a) 13 Wohnhäusern
b) 25 Scheunen
c) 18 Stallungen
d) 10 Hallen

allein zur Deckung der Auslagen für Holz, Ziegel, Ziegelsteine, Zement Kalk benötigt werden:

a) für Holz                              RM 40.000
b) für Dachziegel                  RM 13.700
c) für Ziegelsteine                 RM 16.900
d) für Zement                        RM   3.800
e) für Kalk                              RM   5.200
Gesamt:                               RM 79.600

Bei dieser Aufstellung ist der Wiederaufbau einiger Gebäulichkeiten nicht vorgesehen, weil besondere Umstände und Verhältnisse den Neubau nicht dringlich erscheinen lassen.“

Die Beschaffung dieser Materialien in den ersten Monaten nach der bedingungslosen Kapitulation erschien schlechterdings unmöglich. Um so mehr zwangen uns der Tiefstand der Wirtschaft und der Riesenbedarf an Baustoffen in Klein-, Mittel- und Großstädten, nichts unversucht zu lassen, um für Oberkalbach zu erreichen, was nur irgendwie zu erreichen war.

Der Anfang dazu wurde mit dem Abschleppen eines deutschen Lastkraftwagens gemacht, den die Amerikaner in Uttrichshausen hatten stehen lassen. Für Oberkalbach mußte zum Transport von Sandsteinen, Kalk und Zement, Holz und Ziegeln ein Wagen laufen. Durch Einbau eines Holzgenerators wurde er fahrbereit.

Der zweite Schritt bestand darin, weite Kreise und einflußreiche Regierungsvertreter von der Dringlichkeit des Wiederaufbaus zu überzeugen. Ich machte Besuche bei den Landräten in Bad Brückenau und in Fulda, um das Recht zum Abbau und zur Abfahrt von alten Gebäuden des Truppenübungsplatzes Wildflecken zu erwirken. Ich ließ mich von den Forstmeistern in Neuhof und Burgjoß beraten, um möglichst schnell die Freigabe von Holz zu erzielen. Ich schrieb Eingaben an die Hessischen Minister, um die Zusage erhöhter Kohlelieferungen an die Firma Karl Knothe, Sterbfritz, für die Sannerzer Ziegelfabrik zu erhalten. Am 17. Juni fand eine Kundgebung auf dem Taufstein bei Heubach mit Landrat Körling und Regierungsdirektor Dr. Magnus aus dem Hessischen Wirtschaftsministerium statt. Sie mußte vom „Military Gouvernement“ genehmigt werden und wurde vom CJC-Offizier überwacht. Wir erreichten, daß die kleine und abgelegene Vorderrhöngemeinde Oberkalbach bei allerhöchsten Dienststellen Beachtung fand.

Mit der durchschlagenden Begründung, daß die Ernte eingebracht werden müßte, weil der Hunger durch die Lande ging, gelang es uns, soviel Baumaterial zu beschaffen, daß mit mehreren Baustellen zu gleicher Zeit begonnen werden konnte. Weil Maurermeister Adam Sauer aus Oberkalbach noch in russischer Gefangenschaft war, übernahm das Baugeschäft Nikolaus Glock, Heubach, die Führung, und aus Oberzell, Büchenberg und Mittelkalbach mußten Maurer gewonnen werden. Für das Zimmergeschäft Jost, Oberkalbach, erkämpfte ich die Genehmigung zur Aufstellung einer Langholzkreissäge, um von den Sägewerken in Oberzell und Veitsteinbach, die mit Aufträgen der Militärregierung überlastet waren, unabhängiger zu werden. Der Forstfiskus hatte dafür – trotz starker Bedenken – das Gelände zur Verfügung gestellt. Mir ging es dabei gleichzeitig um einen Beitrag zur wirtschaftlichen Belebung und um die Schaffung einer Verdienstmöglichkeit für Oberkalbacher Arbeiter. Mit großem Einsatz war das Zimmergeschäft Rensch, Uttrichshausen, am Werken. Fridolin Sauer aus Schweben lieferte unter schwierigsten Voraussetzungen Kalk und Zement. In Sannerz standen freiwillige Arbeitskräfte aus Oberkalbach Wochen hindurch in dem Ziegeleibetrieb der Firma Knothe, um Ziegelsteine und vor allem Dachziegel herzustellen. Im August wurden 244.000 Ziegelsteine und 23.000 Dachziegeln, im September190.000 Ziegelsteine und 78.000 Dachziegeln gebrannt. Diese Leistungen im Jahre 1945 gaben dem Kreis Schlüchtern einen Namen und machten ihn zu einem Faktor für den gesamten Wiederaufbau im Frankfurter Wirtschaftsraum. Nicht weniger wichtig war die Holzaufbereitungsstätte Lins, Oberzell, aus der ein gr0ßer Teil des Transportwesens für Südhessen gespeist wurde; vom 1.5. – 15.10.1945 allein mit 3.333 cbm Tankholz und 49.592 kg Holzkohle. Aufbauwille und Vertrauen in die Zukunft waren im Bergwinkelkreis nicht Worte geblieben. Es geschah das Werk. Bis zum Herbst 1945 waren alle nur teilweise beschädigten Wohnungen in Oberkalbach wieder wohnbar geworden. Zu Beginn des Winters waren ein Wohnhaus mit Scheune und Stallungen, 5 Scheunen, davon drei mit Stallungen, erstellt. Drei Wohnhäuser, davon 2 mit Scheunen und Stallungen und 3 Scheunen mit Stallungen standen im Rohbau – – mit oder trotz Bezugsscheinen und Lieferfristen *). Das weckte Freude und Dank. Das rief aber auch auf, über den uralten Worten der Heiligen Schrift zu sinnen:

„Ein Jegliches hat seine Zeit. Und alles Vornehmen unter dem Himmel hat seine Stunde. Geboren werden und sterben, pflanzen und ausrotten, Steine zerstreuen und Steine sammeln, suchen und verlieren, brechen und bauen.“
(Pred. 3, 1 ff.)

„Wo der Herr nicht das Haus baut, so arbeiten umsonst, die daran bauen“.
(Ps 127,1)

 Es verstand sich von selbst, bei den Neubauten auf wesentliche Verbesserungen und auch auf Vergrößerung nach außen hin bedacht zu sein. Maßstab durfte nicht das Gewesene bleiben. Es sollte nach neuesten Richtlinien der landwirtschaftlichen Nutzungsgrundsätzen gebaut werden. Dabei war auch An- und Abfahrt zu und von den Gebäuden zu berücksichtigen. Das Straßen- und Dorfbild mußte in die Gesamtplanung einbezogen werden. Von da her ergab sich die Herauslösung einzelner Gehöfte aus dem bisher engen Verband, und recht schwierige Verhandlungen wegen Tauschgelände wurden eingeleitet. Das Katasteramt und das Kulturamt mußten eingeschaltet werden, um Härten und Ungerechtigkeiten zu vermeiden und neues Baugelände zu gewinnen. Mit Schreiben des Landrates vom 30. 7. 1945 war ich beauftragt worden, diese äußerst spannungsgeladenen Besprechungen mit allen Beteiligten zu führen. Um so dankbarer ließ sich auf das Ergebnis schauen, daß im Zuge dieser Neuordnung drei Bauernhöfe ausgesiedelt wurden und drei Anwesen sich in neuer Lage entfalten konnten. 

Bei allen Überlegungen spielte auch die finanzielle Frage eine entscheidende Rolle. Da kam es darauf an, das fortschrittliche Planen, das erhebliche Summen voraussetzte, zu verteidigen und manche Gegengründe zu entkräften. Ich konnte es aber wagen, ganz stark für das Zeitgemäße einzutreten – einmal, weil ich von einigen Geschädigten wußte, daß sie sich Gelder gespart hatten, und zum anderen, weil ich bei vielen Stellen um Barmittel gebeten und eine öffentliche Sammlung für alle Kriegsgeschädigten im Kreise Schlüchtern angeregt hatte. Von unserer Kurhessischen Landeskirche erhielt ich RM 3.000,-, der Caritasverband der Diözöse Fulda überwies auch RM 3.000,-, die katholischen Nachbargemeinden von Oberkalbach hatten eine Kirchenkollekte erhoben, die RM 6.661,15 erbrachte und mir während einer katholischen Pfarrkonferenz in Neuhof überreicht wurde. Die Kollekte in den evangelischen Gemeinden des Kreises Schlüchtern ergab RM 11.755,83. Aus der Kreissammlung in Höhe von RM 106.000,- erhielt Oberkalbach RM 40.000,-. An Weihnachten konnten RM 70.000,- verteilt werden.

Das waren greifbare Zeichen für ein Zueinandertreten und Zusammenstehen und Miteinandergehen in den Fragen und Aufgaben einer äußeren Neugestaltung mit der Verpflichtung und der Bereitschaft zu einer inneren Erneuerung. Der Wiederaufbau von Oberkalbach im Jahre 1945 war bescheidener Versuch, auch und gerade in Entscheidungen dieser Welt aus christlicher Verantwortung zu handeln, weil kein Lebensbereich und kein Lebensbezug außerhalb der Reichweite des Evangeliums liegt und die neutestamentliche Weisung in unserer Zeit mehr denn je auf ihre Verwirklichung wartet:

„Seid Täter des Wortes und nicht Hörer allein!“
(Jak 1, 22). 

Dekan R. Jung

*) Ende 1946 waren alle Gebäude bis auf zwei Scheunen und ein Wohnhaus im Rohbau errichtet.